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Grundgedanken

Mit dem Begriff Anthropologie bezeichne ich eine Theorie von den Erkenntnismöglichkeiten des Sinnzusammenhangs allgemeiner und besonderer Erscheinungen im Lebensvollzug der Menschen.

In dieser Definition sind drei wesentliche Grundgedanken enthal-ten:

  • 1. Es ist möglich, die Sinnfrage in Bezug auf das Widerfahrnis von „leben“ und auf die Lebensäußerungen der Menschen zu stellen und zu beantworten.
  • 2. Leib (griechisch: soma), Seele (griech.: psyche) und Geist (griech.: nous) der Menschen und deren Sinnzusammenhang stellen die Dimensionen ihrer Gesamtpersönlichkeiten dar.
  • 3. Die Menschen sind an den Ereignissen und in den Erfahrungen ihrer Erlebnisse selbst aktiv beteiligt und haben unwiderrufliche Beziehungen zu allem, was sie umgibt, was sie erleben und wohin sie sich bewegen.
  • Anthropologie beschäftigt sich nicht nur mit der Erscheinung von Menschen (Gattungen, Arten o.Ä.), sondern eben auch mit den vom Menschen selbst initiierten Vorgängen und mit den damit zusam-menhängenden Verhaltensweisen und Strukturen, die der Selbst-wahrnehmung und der Selbsterkenntnis auch verborgen sein kön-nen. Bei der Untersuchung und Erforschung solcher Zusammenhänge können unterschiedliche Methoden angewandt werden.

Ein Spezialgebiet der philosophischen Anthropologie ist die Psy-chologie. Sie will die Zusammenhänge zwischen Bewusstheit und dem Menschen nicht bewussten Vorgängen seiner persönlichen Le-bensäußerungen untersuchen. Dadurch gerät diese Wissenschaft in den Bereich der Philosophie und setzt eine Weltanschauung und ein Menschenbild voraus. Psychologie fragt analog danach, warum etwas so ist und nicht anders, was daraus geschlossen werden kann, wel-che Vorhersagen auf Grund von gesicherten Erkenntnissen gewagt werden können.

Die Gefahr dieser Betrachtungsweise („Warum ist es so?“) besteht in der getarnten Anwendung der Schuldfrage. Das „Warum“ fragt im allgemeinen Sprachgebrauch nach der Verschuldung. Es droht die Verwechslung des „post hoc“ (Beschreibung eines Zusammenhangs) mit dem „propter hoc“ (Ursachenverknüpfung) (David Hume). Das „und“ einer Ereignisfolge kann verwechselt werden mit einer kausa-len Determination: „post hoc“: Es geschah X und dann Y; „propter hoc“: Es geschah Y, weil X geschehen war.

Psychologie wird von allen Menschen immer wieder betrieben, auch ohne Zusatzausbildung oder akademische Vorbildung. Deshalb werden mit großem Interesse Veröffentlichungen auf diesem Gebiet gelesen. Doch ohne Kenntnisse des Zusammenhangs von For-schungsergebnissen geraten Inhalte schnell in die subjektive Verarbeitung bisjetziger Vorstellungen. Vorausurteile können sehr gut da-durch genährt werden: Menschen haben ihre eigenen psychologi-schen Theorien, die sie mit ihrer Weltsicht und ihrer Selbstvorstel-lung kombinieren und bewusst und/oder unbewusst in ihre Entschei-dungen für Verhalten miteinbeziehen.

Psychologisches Fragen im wissenschaftlichen Zusammenhang er-gibt sich deshalb auf den unterschiedlichsten Gebieten. Psychologi-sches Fragen betrifft eben die „privaten Psychologien“ und deren Be-ziehungen zueinander. Durch Voranstellen eines weiteren Begriffs werden die unterschiedlichen Methoden und Forschungsgegenstände gekennzeichnet: Experimentelle Psychologie, Tiefenpsychologie, Pä-dagogische Psychologie, Sozialpsychologie, Religionspsychologie, Kli-nische Psychologie, Testpsychologie usf.

Die Frage nach den Menschen in der Psychologie wird von Men-schen selbst gestellt. Sie wird jedoch erst möglich dadurch, dass Menschen ein Wissen von sich selbst haben und von ihrer Unter-schiedenheit von allem, was nicht Mensch ist. Diese Frage wird nötig dadurch, dass Menschen in aller Unterschiedlichkeit zu anderen Men-schen Gemeinsames entdecken können, was augenscheinlich das Zusammenleben, also auch Gemeinschaft, möglich macht. Demge-genüber gibt es jedoch Faktoren, die eben diese Gemeinschaft ver-hindern können oder zumindest stören. Das Interesse gilt also nicht nur dem Sammeln von Erkenntnissen, sondern auch der Erforschung von deren Anwendbarkeit im Hinblick auf das Zusammenleben der Menschen und auf den Umgang der Menschen miteinander.

Die hier vertretene Definition von „Psychologie“ erfordert somit eine ganzheitliche Betrachtungsweise der einzelnen Menschen sowohl ihrer Persönlichkeit als Einheit von Leib, Seele und Geist, als auch ihres Lebenszusammenhangs (Sinndimension), der geistig erfasst werden muss. Deshalb lehne ich den Begriff „Psychologie“ für diesen Bereich meiner Theorie ab, um Missverständnisse zu vermeiden. Ich möchte den Begriff Noologie wählen, da er auch sprachlich exakt zum Ausdruck bringt, was gemeint ist: der menschliche Geist er-forscht die Wirkungen bewusster und/oder unterbewusster Entschei-dungen und Entscheidungsfolgen menschlichen Geistes.

Noologisches Fragen will auch herausfinden, was Menschen anders tun können, wenn sie in Konflikte geraten, die aus Widersprüchen zwischen „privater Weltanschauung“ und gemeinschaftlichem Zu-sammenleben entstehen können. Manche der Konfliktfolgen lassen sich durch Analyse des Konflikts begreiflich machen und liefern da-durch selbst die Erkenntnisse für Änderungen. Diese geistig-analytisch orientierte Arbeit nenne ich Nooanalyse.

Manche Probleme können den Charakter von Krankheit annehmen und bedürfen spezieller zusätzlicher Hilfen („Therapie“ genannt), die in den Bereich dessen fallen, was allgemein als Psychotherapie be-zeichnet wird. Dabei handelt es sich - je nach wissenschaftlicher Per-spektive - um Therapie mit psychologischen Mitteln (Medizinmodell) oder „um Hilfe in einem Bewusstwerdungs- und Individuationspro-zess“ (philosophisch-pädagogisches Modell <1>).

Mit dem Begriff Nooanalyse bezeichne ich die praktische Anwen-dung der Noologie innerhalb der Anthropologie mit dem Ziel, so mit Menschen umzugehen, dass diese die Informationen erhalten, die ihnen zuvor unbekannt gewesen sind (aus Nichtwissen oder Nicht-anwendung von Wissen entstehen die meisten Konflikte) und die sie benötigen, um mit ihren Schwierigkeiten und Problemen im Umgang mit sich und mit anderen auf ihre eigene Weise (also selbst-bewusst) umzugehen, falls sie möchten.

In dieser Definition sind drei wesentliche Grundgedanken enthal-ten:

  • 1. Jede Nooanalyse ist in ihrer Anwendung die Folge der anthropolo-gisch orientierten Noologie.
  • 2. Nooanalyse ist der Prozess der Erarbeitung von Informationen und deshalb von Wissen. In dem Sinne ist sie stets „Lehranalyse“ - unabhängig von der Art der Anwendung ihrer Ergebnisse.
  • 3. Nooanalysen sind Methoden, mit deren Hilfe die Entscheidungs- und Handlungsfreiheit des Individuums erweitert werden kann (dies ist auch auf psychologischen und anderen anthropozentri-schen Arbeitsgebieten eine Zielvorstellung).
  • Nooanalyse beschäftigt sich also mit Zusammenhängen im Le-bensvollzug eines Menschen, die das Zusammenleben mit anderen und auch seinen Umgang mit sich selbst stören. Diese Zusammen-hänge werden gelegentlich Strukturen neurotischer oder psychoti-scher Art genannt, diese Strukturen wiederum in ihrer Gesamtschau „Neurose“ (in den U.S.A. übrigens seit geraumer Zeit nicht mehr, siehe DSM-III und mittlerweile auch ICD-10 der Weltgesundheitsbe-hörde WHO) bzw. „Psychose“.

Um moralistischen Missverständnissen und einer allzu schnellen Pathologisierung von Konflikten zu wehren und gleichzeitig um der klaren Beschreibung der Sachverhalte willen, möchte ich den Begriff neurotisch nicht für die irrtümlichen, vom Unterbewussten des Geis-tes eines Menschen gesteuerten Verhaltensweisen benutzen. Deswe-gen definiere ich so:

Aversiv (dem Widerfahrnis von „leben“ gegenüber „abgewandt“) sei der Oberbegriff für irrtümliches Verhalten im Hinblick auf den Umgang mit möglichen, realen und regenerativ wirkenden Rela-tionsinhalten im Lebensvollzug eines Menschen.

Adversiv (dem „leben“ „zugewandt“) sei der Oberbegriff für der Sache nach angemessenes Verhalten.

Aus der von mir entwickelten Theorie lässt sich die dazugehörige Nooanalyse entwickeln, aus der Theorie ihre Anwendung, und damit gleichzeitig ihre Bewährung in der konkreten Arbeit. Aus dem Raum der Anwendung heraus folgt also die Bewährung oder auch die not-wendige Korrektur der Theorie.

Biologische Systeme sind offene Systeme Da wir es mit lebenden (individuellen, einzigartigen) Persönlichkeiten zu tun haben, muss jede Theorie, die sich mit dem Menschen beschäftigt, auch eine offe-ne sein, damit sie der Mannigfaltigkeit menschlicher Individualität und der unterschiedlichen Lebensvollzüge gerecht zu werden ver-mag. Sie darf nichts anderes sein als eine Beschreibung der Möglich-keiten, der individuellen Selbstvorstellung und der Weltanschauung auf die Spur zu kommen. Doch das muss sie auch sein, um anthro-pologisch orientiert genannt werden zu können.

Die Offenheit gegenüber der Individualität geht also einher mit der Offenheit gegenüber der Möglichkeit, dass durch das erweiterte Wis-sen die Theorie notwendig geändert werden kann. Erfolg oder Misserfolg sind nicht im Wert unterschiedlich: beide lehren Sinn und Richtigkeit, also Bewährung, oder Unsinn und Irrtum, also Nichtbewährung, der in der konkreten Arbeit Gestalt gewinnenden Anschauung (siehe die Falsifikationstheorie von Popper <2>). Diese entsteht durch die Ableitung der besonderen auf die Analysandin bzw. den Analysanden hin formulierten Aussagen aus den allgemeinen Aussagen der Theorie. Eine Nichtbewährung ist nicht qualitativ minderwertig, sie ist vielmehr ein Fortschritt gegenüber vorher, wenn aus ihr - wegen der Erweiterung des Wissens - die sinnvolle und offenbar notwendige Korrektur der Anschauung oder gar

der Theorie erfolgt. Jede erhält allgemeine Aussagen. In ihrer Darstellung sind sie Symbole, Sinnbilder, Zeichen oder Systeme daraus. Diese allge-meinen Aussagen bewähren sich, wenn aus ihnen die individuellen, also die besonderen Aussagen eines aversiven Systems ableitbar und damit durch sie verständlich sind. Das gilt gleichermaßen für die An-schauung, die die Analytikerin bzw. der Analytiker selbst aus der Theorie für sich gewonnen hat. Durch die Bewährung bleiben nicht nur die bekannten Räume eines Theoriegebäudes bewohnbar; es können auch neue Räume eingerichtet werden, deren Existenz bisher nur geahnt worden ist. - Durch die Nichtbewährung kann es dazu kommen, dass ein ganzer Trakt des Theoriegebäudes eingerissen und neu gebaut werden muss - oder aber, im Extremfall, dass das ganze Gebäude eingerissen werden muss, weil kein Teil mehr be-wohnbar ist.

Will Noologie eine Wissenschaft sein, muss sie ihre allgemeinen Sätze auch einer Nichtbewährung, also dem Nachweis der Falschheit, aussetzen können. Das gilt in ganz besonderem Maße auf dem Felde der Nooanalyse. Der bzw. die Analytiker/in muss, will er bzw. sie sinnvoll arbeiten, jene Offenheit praktizieren, die es ihm bzw. ihr er-möglicht, unbefangen den produktiven Prozess zu fördern, den die Analyse im Vollzug darstellt. Von allen Analysierten lernen auch die Analysierenden.

In Anlehnung an Popper wird also gefordert, dass es keine Aus-sagen geben soll, „die einfach hingenommen werden müssen, weil es aus logischen Gründen nicht möglich ist, sie nachzuprüfen“ (3).

Mit Viktor von Weizsäcker (4) meine ich: „Unbefangen gegen Ü-berraschung und unbefangen gegen zu Erwartendes wäre die wün-schenswerte Stimmung, aus der wir uns durch nichts herausdrängen lassen möchten.“ (5) „Hier soll also eine erwartende, für Über-raschung bereite, unwissende Haltung eingenommen werden; zugleich aber nicht künstlich und nicht gewaltsam das ferngehalten werden, was man schon kennt, weil man es gelernt hat und was nach den Regeln oder Gesetzen erwartet werden kann. Die beiden so entgegengesetzten Verhaltensweisen sollen verbunden werden, und die verbindende Haltung kann man einheitlich als Unbefangenheit bezeichnen.“ (6)

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Anmerkungen

(1) Zitat von H. Kind im Artikel „Psychotherapie“ im „Lexikon der Psychiatrie“, hrsg. v. Christian Müller, 1986, 2.Aufl., S.568.

(2) Popper in „Logik der Forschung“, Tübingen, 6. Aufl., 1976.

(3) a.a.O. S.21.

(4) Viktor von Weizsäcker in: „Pathosophie“, Göttingen, 2.Aufl., 1967.

(5) a.a.O. S.18.

(6) ebd., S.17/18.

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